Erster Weltkrieg · Weihnachten 1914

Eine wahre Weihnachtsgeschichte für Erwachsene: Die Lichter brannten noch

Eine Geschichte zum Vorlesen, vier bis fünf Minuten lang. Sie spielt Weihnachten 1914 an der Oise in Nordfrankreich und beruht auf einem Brief, einem Kriegstagebuch und dem Bericht eines Feldwebels aus jenen Tagen. Darunter stehen Fragen zum Nachdenken für das Gespräch danach und eine Fassung zum Ausdrucken.

Die Lichter brannten noch

Vorlesezeit etwa vier bis fünf Minuten

Farbige Zeichnung: In einer Felshöhle stehen französische Gefangene in blauen Mänteln und roten Hosen vor einem Tannenbaum mit brennenden Kerzen, die Käppis in den Händen, einer mit einem Kopfverband. Dahinter singen deutsche Soldaten in Feldgrau aus Liedblättern, rechts hält ein deutscher Soldat mit aufgepflanztem Seitengewehr Wache; durch den Höhleneingang sieht man den Sternenhimmel.
Weihnachten 1914 in einer Höhle an der Oise: Gefangene vor dem Baum – Illustration, kein historisches Bild.

Der Brief beginnt mit einer Ortsangabe, die auf keiner französischen Landkarte steht: „Steinhöhle, 23. Dezember 1914.“ Darunter schreibt Hauptmann von Düring an seine Frau: „Morgen ist nun Heiligabend.“

Die Steinhöhle befindet sich in Nordfrankreich, südlich des Dorfes Carlepont an der Oise, zwischen Compiègne und Noyon. Dort liegt im Winter 1914 das Grenadier-Regiment Nr. 89 aus Mecklenburg. Seine Männer leben in Gräben, Unterständen und Höhlen im Fels. Der Stein gibt ihnen Schutz, aber keine Ruhe. Seit Tagen greifen die Franzosen an. Allein die Kompanie des Hauptmanns hat in diesen Tagen fünfundvierzig Tote zu beklagen.

Deshalb schreibt er seiner Frau keinen feierlichen Satz, sondern einen bitteren: „Wenn die Franzosen uns das Weihnachtsfest verderben wollten, so haben sie das gründlich besorgt.“

Dann kommt der Heiligabend, und er kommt anders als befürchtet.

Der Tag bleibt still. Am Abend steht in der Höhle ein Altar, mit Tannengrün geschmückt wie wenige Tage zuvor beim Abendmahl, und aus dem Grün werfen viele kleine Lichter ihren Schein an den Fels. Draußen ist die Nacht sternenklar. Im Kriegstagebuch des Bataillons, wo sonst Angriffe und Verluste stehen, findet der Schreiber an diesem Abend andere Worte. Er notiert eine „feierliche, wohltuende Stille“. Weithin hört man deutsche Weihnachtslieder durch die Nacht klingen. Fast jeder hat einen Gruß von zu Hause bekommen. Die Männer rauchen die Zigarre aus dem Liebesgabenpaket oder ihre Weihnachtspfeife, und vor ihren Augen, so heißt es, tauchen „so manche friedlichen Bilder“ auf.

Welche Bilder das waren, schreibt niemand auf. Man kann sie ahnen: eine warme Stube, ein geschmückter Baum, eine Frau, die einen Brief aus einer Steinhöhle liest.

Am ersten Weihnachtstag greifen die Franzosen erneut an, diesmal mit aller Macht. Der Kampf reicht bis in die deutschen Stellungen hinein, Mann gegen Mann. Als es Abend wird, liegen in den Gräben und davor mehr als zweihundertfünfzig Tote, Franzosen und Deutsche, und zwischen ihnen viele Verwundete. Über hundertvierzig Franzosen sind in Gefangenschaft geraten. Man verteilt sie auf die Unterstände.

Ein Feldwebel der 2. Kompanie hat festgehalten, was er danach sah. Die Gefangenen waren in einem Raum untergebracht, und davor stand noch immer der große Tannenbaum. Die Lichter brannten noch. Einige Grenadiere hielten Wache, das Seitengewehr aufgepflanzt.

Da traten einige der Gefangenen an den Baum heran. Männer, die an diesem Tag noch gegen diese Stellung angestürmt waren. Sie nahmen ihre Kopfbedeckung ab, sprachen ein paar Worte und bekreuzigten sich. „Manches feuchte Auge sah man bei ihnen“, schreibt der Feldwebel.

Was sie sagten, hat niemand notiert. Vielleicht ein Gebet. Vielleicht die Namen ihrer Kinder. Vielleicht nur ein einziges Wort: Noël.

Die Grenadiere fingen wieder an zu singen. „Wieder erschallten Weihnachtslieder“, heißt es in dem Bericht, „und man konnte deutlich erkennen, welchen Eindruck dies auf unsere Gegner machte.“

Einen Weihnachtsfrieden hat es an der Oise nicht gegeben. Keinen Händedruck zwischen den Linien, keine getauschten Zigaretten, kein Lied, das von Graben zu Graben ging. Am nächsten Morgen war wieder Krieg, und er sollte noch fast vier Jahre dauern.

Und doch standen an diesem Abend Männer, die einander hatten töten sollen, vor demselben Licht. Die einen sangen, die anderen weinten. Der Baum gehörte keiner Seite. Er leuchtete einfach weiter.

Vielleicht ist das die älteste Weihnachtsbotschaft: Ein Licht fragt nicht, auf welcher Seite einer steht.

Zum Nachdenken

  1. Am 23. Dezember schreibt der Hauptmann einen bitteren Satz. Was hat sich bis zum Abend des 25. verändert, und was nicht?
  2. Warum gehen Gefangene, die gerade einen Kampf verloren haben, ausgerechnet an den Baum ihrer Gegner?
  3. Die einen singen, die anderen weinen. Ist das Trost, Triumph oder beides?
  4. Gibt es in der eigenen Familie oder im eigenen Leben einen Abend, an dem Menschen, die gegeneinander standen, vor demselben Licht still wurden?
  5. Was müsste geschehen, damit aus einem solchen Augenblick mehr wird als ein Augenblick?

Was an der Geschichte belegt ist

Alles in Anführungszeichen stammt aus den Quellen von 1914: aus dem Brief des Hauptmanns, dem Kriegstagebuch des II. Bataillons und dem Bericht des Feldwebels, wie sie der Militärhistoriker Christian Lübcke für den Volksbund ausgewertet hat. Ort, Daten und Zahlen kommen aus derselben Darstellung. Erzählt, nicht belegt, sind nur die Sätze mit „vielleicht“ und die Bilder, die man ahnen kann. Die Namen der Gefangenen und des Feldwebels kennen wir nicht, auch nicht den Vornamen des Hauptmanns. Wo der Feldwebel schreibt, die Franzosen hätten „den Helm“ abgenommen, steht hier „die Kopfbedeckung“: Französische Soldaten trugen im Dezember 1914 Käppis, der Stahlhelm kam erst im Sommer 1915 an die Front.

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Die Geschichte gibt es als PDF zum Ausdrucken, groß gesetzt zum Vorlesen, mit den Fragen und der Quelle.

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Quellenzeile: Text: Bernd Blasius, Autor von „Wer zuerst aufsteht“ (Edition Resonanz 2026). Zum Vorlesen und Ausdrucken: humane-weltformel.de/weihnachtsfrieden-1914/weihnachtsgeschichte

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Wer zuerst aufsteht – Der Weihnachtsfrieden von 1914 und der Mut, unsere Gräben zu verlassen von Bernd Blasius erzählt diese Nacht aus den Briefen und Berichten der Männer, die sie erlebt haben, und fragt, was sie für die Gräben an unseren eigenen Tischen bedeutet.

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Quellen

Geprüft am 1. November 2026.

  1. Christian Lübcke, Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge: „Stille Nacht, heilige Nacht“? Der Traum vom Weihnachtsfrieden (23.12.2024)
  2. Wikipedia: Adrian-Helm