Erster Weltkrieg · Weihnachten 1914

Weihnachtsfrieden 1914: Was an der Front wirklich geschah

Im ersten Winter des Ersten Weltkriegs geschah etwas, das kein General geplant und keine Regierung erlaubt hatte. An Heiligabend 1914 wurde es an vielen Stellen der Westfront still. Männer, die wochenlang aufeinander geschossen hatten, verließen den Schutz ihrer Gräben, gingen hinüber ins Niemandsland und begrüßten den Feind mit Handschlag.

Was war der Weihnachtsfrieden 1914?

Der Weihnachtsfrieden war keine einzelne Waffenruhe, sondern viele. Es gab keine Vereinbarung zwischen den Armeen und keinen Befehl von oben. Kleine Gruppen von Soldaten trafen ihre eigenen Absprachen, Abschnitt für Abschnitt, manchmal nur für ein paar hundert Meter Graben.

Im Dezember 1914 war aus dem Krieg, der Weihnachten vorbei sein sollte, ein Stellungskrieg geworden. Von der belgischen Küste bis zur Schweizer Grenze zog sich eine Linie aus Gräben. Mancherorts lag der Feind keine hundert Meter entfernt, nah genug, um Stimmen zu hören und hinüberzurufen. Auf beiden Seiten feierten die meisten Männer dasselbe Fest, kannten ähnliche Lieder und vermissten dasselbe zu Hause. Unter den Deutschen, die den Briten gegenüberlagen, waren viele Sachsen und Bayern.

Wie viele Männer mitmachten, hat niemand gezählt. Der britische Historiker Alan Wakefield schätzt allein die britischen Teilnehmer auf rund 30.000; oft genannt werden rund 100.000 britische und deutsche Soldaten zusammen. Franzosen und Belgier beteiligten sich an weniger Orten, Zahlen gibt es für sie keine.

Ist der Weihnachtsfrieden wirklich passiert?

Ja. Er gehört zu den am besten belegten Momenten des ganzen Krieges. Soldaten schrieben in Briefen nach Hause davon, und im Januar 1915 druckten Zeitungen viele dieser Briefe ab. Männer hielten ihn in ihren Tagebüchern fest. Die Truppen vermerkten ihn in ihren Kriegstagebüchern, den amtlichen Tagesberichten jeder Einheit: Am ersten Weihnachtstag notierte die Artillerieführung der britischen 8. Division, es habe weder Schüsse noch Kampfhandlungen gegeben. Einige Offiziere fotografierten sogar, unter anderem sächsische Soldaten und Royal Dublin Fusiliers gemeinsam im Niemandsland.

Umstritten ist nicht, ob es den Weihnachtsfrieden gab, sondern wie weit er reichte, wie lange er an jedem Ort hielt und was die Männer genau miteinander taten. Am meisten gestritten wird über das Fußballspiel.

Wo und wann fand er statt?

Am stärksten war der Weihnachtsfrieden dort, wo Briten und Deutsche einander gegenüberlagen: in Flandern und Nordfrankreich, rund um Ploegsteert in Belgien und Frelinghien bei Armentières in Frankreich. Doch er blieb keine britisch-deutsche Angelegenheit. An der Yser in Belgien trafen sich nach Weihnachten belgische und deutsche Soldaten im Niemandsland, und an einer Stelle wurde eine Monstranz aus einer Kirche über die Linien zurückgegeben. Auch französische Soldaten schrieben nach Hause, wie Deutsche am Weihnachtstag auf ihre Gräben zukamen. Und von der Ostfront wird von Waffenruhen zwischen österreichisch-ungarischen und russischen Truppen berichtet.

Karte der Front in Flandern und im Artois an Weihnachten 1914, von Nieuwpoort bis Arras, mit den Abschnitten der belgischen, französischen, britischen und indischen sowie der deutschen Truppen.
Die Front an Weihnachten 1914, von der belgischen Küste bis Arras. Karte aus Wer zuerst aufsteht, mit KI-Unterstützung erstellt; der genannte Anhang steht im Buch.

Vielerorts begann der Frieden am Abend des 24. Dezember und erreichte am ersten Weihnachtstag seinen Höhepunkt. In manchen Abschnitten hielt er nur wenige Stunden, in anderen schwiegen die Waffen mehrere Tage.

Wie begann der Weihnachtsfrieden?

An Heiligabend stellten deutsche Soldaten Laternen und kleine Weihnachtsbäume mit Kerzen auf den Rand ihrer Gräben. Sie sangen Weihnachtslieder, darunter „Stille Nacht“. Die Briten antworteten mit eigenen Liedern. Grüße gingen über das Niemandsland, dann Einladungen. Irgendwann verließ ein Erster seinen Graben, ohne Gewehr, und andere gingen ihm nach.

Am ersten Weihnachtstag trafen sich die Männer im Freien. Geschenke wechselten den Besitzer: Zigaretten und Tabak, Essbares, Knöpfe und Mützenabzeichen als Andenken. Vielerorts war die erste Aufgabe eine traurige. Die Toten, die seit Wochen zwischen den Linien lagen, wurden endlich begraben, und an manchen Stellen standen Männer beider Armeen gemeinsam an den Gräbern zu einer kurzen Andacht.

Gab es das Fußballspiel wirklich?

Das Bild von britischen und deutschen Soldaten, die im Niemandsland Fußball spielen, ist zum Sinnbild des Weihnachtsfriedens geworden. Mehrere Briefe und Tagebücher erwähnen tatsächlich, dass mit dem Gegner gekickt wurde. Ein richtiges Spiel mit Mannschaften, Schiedsrichter und Endstand ist dagegen viel schwerer zu belegen, und manche Zeitgenossen bestritten sogar, dass es überhaupt eine Waffenruhe gegeben hatte. Fußball im Weihnachtsfrieden: was belegt ist

Was geschah nach dem Weihnachtsfrieden?

Der Frieden endete, wie er begonnen hatte: Ort für Ort. Die Führung war alarmiert und erließ sofort Befehle gegen jede Wiederholung. Britischen Soldaten drohte das Kriegsgericht, deutschen wurde gesagt, sie könnten erschossen werden.

Weihnachten 1915 gab es trotz strenger Verbote noch vereinzelte kleine Waffenruhen. Einheiten, die mitmachten, wurden bestraft, etwa mit gestrichenem Urlaub. Etwas wie 1914 geschah nie wieder. Der Krieg endete erst im November 1918.

Gab es einen Weihnachtsfrieden im Zweiten Weltkrieg?

Nicht annähernd in diesem Ausmaß. Die bekannteste Geschichte spielt an Heiligabend 1944 im Hürtgenwald, nahe der deutsch-belgischen Grenze. Der zwölfjährige Fritz Vincken und seine Mutter hatten in einer Waldhütte Zuflucht gefunden, als drei versprengte amerikanische Soldaten anklopften, einer davon verwundet, und kurz darauf vier deutsche. Die Mutter bestand auf Frieden unter ihrem Dach, und die Feinde aßen gemeinsam zu Abend. Fritz Vincken veröffentlichte die Geschichte 1973 in Reader’s Digest. Sie beruht allein auf seinem Bericht; in den amtlichen Akten taucht sie nicht auf.

Der Film „Merry Christmas“ und andere Erinnerungen

Am bekanntesten ist der Film „Merry Christmas“ von Christian Carion aus dem Jahr 2005, im Original Joyeux Noël. Er ist ein Spielfilm, keine Dokumentation, greift aber viele überlieferte Begebenheiten auf und erzählt sie aus deutscher, französischer und schottischer Sicht. Dazu kommen Lieder wie „Christmas in the Trenches“ von John McCutcheon und „Christmas Truce“ der schwedischen Band Sabaton sowie ein Weihnachtswerbefilm der britischen Supermarktkette Sainsbury’s von 2014, entstanden mit der Royal British Legion.

Gedenkorte, die man heute besuchen kann

  • Saint-Yvon bei Ploegsteert, Belgien: ein Denkmal der UEFA, eingeweiht im Dezember 2014, hundert Jahre nach dem Weihnachtsfrieden.
  • Frelinghien, Nordfrankreich: ein Denkmal, eingeweiht am 11. November 2008 im Beisein von Enkeln der britischen und deutschen Kommandeure, die sich dort gegenüberlagen.
  • Neuville-Saint-Vaast, Nordfrankreich: ein Denkmal für die Verbrüderungen des ganzen Krieges, eingeweiht im Dezember 2015, mit lebensgroßen Figuren französischer, britischer und deutscher Soldaten und einem Ball.
  • Liverpool, England: „All Together Now“, eine Bronze von Andy Edwards im Garten der St Luke’s Church. Ein britischer und ein deutscher Soldat reichen sich über einem Fußball die Hand.

Briefe von der Front

Am besten versteht man den Weihnachtsfrieden durch die Worte der Männer, die dabei waren. Unser kostenloses Unterrichtsmaterial stellt drei Briefe nebeneinander, von einem deutschen Kriegsfreiwilligen, einem britischen Hauptmann und einem französischen Lehrer, dazu Karte und Zeittafel. Zum Unterrichtsmaterial

Das Buch: Wer zuerst aufsteht

Buchcover: Wer zuerst aufsteht von Bernd Blasius

Wer zuerst aufsteht – Der Weihnachtsfrieden von 1914 und der Mut, unsere Gräben zu verlassen von Bernd Blasius erzählt diese Nacht aus den Briefen und Berichten der Männer, die sie erlebt haben, und fragt, was sie für die Gräben an unseren eigenen Tischen bedeutet.

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Quellen

Geprüft am 1. November 2026.

  1. NPR: A Century Ago, When The Guns Fell Silent On Christmas (25. Dezember 2014)
  2. The National Archives: The game of Christmas football on the Western Front
  3. Ian Jones, Great War Forum: Christmas Truce 1914 – Gunners (Kriegstagebücher der Artillerie, IWM-Foto HU 35801)
  4. The Long, Long Trail: Legends, myths and realities – the Christmas Truce, 1914
  5. Wikipedia (englisch): Christmas truce (Schätzungen; Belgier, Franzosen und Ostfront nach Max Hastings)
  6. Iron Time: 1914 – The Forgotten Christmas Truce (Belgier an der Yser)
  7. Western Front Association: William Ewart über den zweiten Weihnachtsfrieden 1915
  8. American Battle Monuments Commission: Christmas Eve 1944, a brief moment of peace
  9. Jamaica Observer (AFP): WWI Christmas Truce football match memorial unveiled (10. Dezember 2014)
  10. Traces of War: Denkmal Weihnachtsfrieden 1914, Frelinghien
  11. Ministère des Armées: das Denkmal der Verbrüderungen in Neuville-Saint-Vaast
  12. Art UK: All Together Now, Liverpool