Erster Weltkrieg · Weihnachten 1914
Fußball im Weihnachtsfrieden 1914: Mythos oder Wahrheit?
Ja, im Weihnachtsfrieden 1914 wurde Fußball gespielt – aber wohl nicht das Spiel, das die meisten vor Augen haben. Briefe aus den Tagen nach Weihnachten zeigen, dass britische und deutsche Soldaten an einigen Stellen im Niemandsland gemeinsam einem Ball hinterherliefen. Ein richtiges Spiel mit zwei Mannschaften, Schiedsrichter und Endstand hat bis heute niemand belegen können.
Wurde im Weihnachtsfrieden wirklich Fußball gespielt?
Am meisten Gewicht hat, was die Männer damals selbst festhielten. Wer die Berichte sorgfältig sammelt, findet nur eine Handvoll Zeugnisse aus erster Hand über Fußball mit dem Gegner. Die wichtigsten, mit dem Abstand zum Geschehen:
| Wer | Wann und wie festgehalten | Was dort steht |
|---|---|---|
| Kompaniefeldwebel Frank Naden, 6. Bataillon des Cheshire-Regiments | Januar 1915, Zeitungsinterview auf Heimaturlaub | Deutsche spielten bei Wulverghem (Belgien) Fußball mit |
| Hauptmann Coates, 1st Royal Fusiliers | Brief vom 26. Dezember 1914 | Bei Chapelle-d’Armentières ging ein Ball zur deutschen Linie und zurück; Offiziere hielten ihre Leute diesseits |
| Ein Schütze der Queen’s Westminster Rifles | Brief in der Hull Daily Mail | Die Deutschen bei Houplines wurden zum Spiel eingeladen und lehnten ab |
| Soldat William Tapp, 1st Royal Warwickshire Regiment | Tagebuch, 25. Dezember 1914 | Man versuche, bei St. Yvon ein Spiel für den zweiten Weihnachtstag zu verabreden |
| Hauptmann James Jack, 1st Cameronians | Tagebuch, Dezember 1914 | Das geplante Spiel der Argylls gegen die Sachsen scheiterte am Artilleriefeuer |
| Kriegstagebuch der 2nd King’s Own Scottish Borderers | Dezember 1914 | Gibt weiter, es sei ein Spiel ausgetragen worden – Hörensagen |
| Ein Major des britischen Sanitätskorps | Brief in der Times, 1. Januar 1915 | Ein ungenanntes Regiment verlor 3:2 gegen die Sachsen |
| Leutnant Johannes Niemann, sächsisches Infanterie-Regiment 133 | BBC-Interview 1968, Regimentsgeschichte | Etwa einstündiges Spiel bei Frelinghien, 3:2 für die Deutschen |
| Ernie Williams, 6. Bataillon des Cheshire-Regiments | Fernsehinterview, Jahrzehnte später | Formloses Spiel bei Wulverghem, Tore zählte niemand |
Die amtlichen Kriegstagebücher schweigen fast ganz. Viele erwähnen Fußball an diesem Weihnachtsfest – aber zwischen britischen Einheiten hinter der Front.
Wie sahen diese Spiele aus?
Wie ein Pokalfinale jedenfalls nicht. Gespielt wurde auf hartgefrorenem Boden voller Granattrichter und Draht, an manchen Stellen auf einer Wiese oder einem Kohlfeld. Manche Bataillone hatten Bälle von zu Hause oder aus Weihnachtspaketen. Wo keiner da war, behalf man sich: Eine spätere Erinnerung spricht von einer alten Blechdose, und ein Offizier der Rifle Brigade beschrieb, wie seine Züge untereinander mit einer strohgefüllten Wollmütze spielten.

Gab es ein richtiges Spiel mit Ergebnis?
Zwei Berichte nennen ein Ergebnis, und beide lauten 3:2 für die Deutschen. Der erste stand am 1. Januar 1915 in der Londoner Times: Ein Major des Sanitätskorps schrieb, ein Regiment, dessen Namen die Zeitung offenließ, habe gegen die Sachsen gespielt und 3:2 verloren. Der zweite stammt aus der Erinnerung von Johannes Niemann, 1914 Leutnant im sächsischen Infanterie-Regiment 133. In einem BBC-Interview von 1968 und in der Geschichte seines Regiments beschrieb er ein etwa einstündiges Spiel zwischen Frelinghien und Houplines gegen schottische Soldaten, vermutlich die 2nd Argyll and Sutherland Highlanders. Ob beide Berichte dasselbe Spiel meinen, weiß niemand. Das Kriegstagebuch des Regiments 133 ist nicht erhalten, und die Tagebücher der britischen Bataillone erwähnen kein Spiel.
Andere Spiele waren für den zweiten Weihnachtstag verabredet und kamen nie zustande. Artilleriefeuer verhinderte das Spiel der Argylls, und ein anderer schottischer Offizier schrieb, das Hauptquartier habe es untersagt. Der britische Historiker Iain Adams, der die Berichte genau untersucht hat, hält ein regelrechtes Spiel für zweifelhaft, formloses Kicken aber für sehr wahrscheinlich.
Wo wurde Fußball gespielt?
Die Fußball-Berichte stammen fast alle aus einem kurzen Frontabschnitt beiderseits der belgisch-französischen Grenze, wo britische Bataillone sächsischen und anderen deutschen Regimentern gegenüberlagen: rund um Wulverghem und Ploegsteert in Belgien sowie bei Frelinghien, Houplines und Chapelle-d’Armentières in Frankreich. Auch Belgier und Franzosen trafen an diesem Weihnachtsfest auf Deutsche, an der Yser und weiter südlich, doch von Fußball ist in ihren Berichten nicht die Rede.
Gibt es ein Foto vom Fußballspiel?
Nein. Auf keinem der echten Fotos vom Weihnachtsfrieden ist ein Ball zu sehen. Eines der bekanntesten, aufgenommen von Leutnant Cyril Drummond, zeigt Royal Dublin Fusiliers und Sachsen, die zusammen im Niemandsland stehen. Das Bild, das jeden Dezember von Fußball spielenden Soldaten auf staubigem Boden geteilt wird, entstand ein Jahr später, im Dezember 1915, bei Saloniki in Griechenland.
Warum wurde der Fußball zum Sinnbild des Weihnachtsfriedens?
In Großbritannien war Fußball 1914 das Spiel der Arbeiter, die in den Bataillonen dienten, und viele Einheiten hatten einen Ball dabei. Die Zeitungen griffen die Fußball-Briefe im Januar 1915 auf, Veteranen sprachen ab den 1960er-Jahren in Interviews darüber, und der hundertste Jahrestag 2014 rückte das Kicken ins Rampenlicht: Fußballverbände hielten Gedenkfeiern ab, und eine britische Supermarktkette baute ihren Weihnachtswerbefilm um ein Spiel im Niemandsland. Ein Ball lässt sich leicht vorstellen und leicht weitererzählen. Was fast jeder Bericht erwähnt – die Bestattung der Toten –, kommt in den Nacherzählungen kaum vor.
Denkmäler für den Fußball im Weihnachtsfrieden
- Saint-Yvon bei Ploegsteert, Belgien: ein Denkmal, das UEFA-Präsident Michel Platini am 11. Dezember 2014 enthüllte, ein Fußball auf einer Granate.
- National Memorial Arboretum, Staffordshire, England: das Denkmal „Football Remembers“, enthüllt am 12. Dezember 2014 von Prinz William als Präsident des englischen Fußballverbands. Entworfen hat es der zehnjährige Spencer Turner aus Newcastle, Sieger eines Wettbewerbs für Schulen im ganzen Vereinigten Königreich.
- Liverpool, England: „All Together Now“ von Andy Edwards im Garten der St Luke’s Church, ein britischer und ein deutscher Soldat reichen sich über einem Fußball die Hand.
- Neuville-Saint-Vaast, Nordfrankreich: das Denkmal für die Verbrüderungen des ganzen Krieges, mit Figuren französischer, britischer und deutscher Soldaten und einem Ball.
Der Fußball-Mythos im Unterricht
Unser kostenloses Unterrichtsmaterial enthält ein Arbeitsblatt, das die Fußball-Berichte nebeneinanderstellt, damit Schülerinnen und Schüler selbst prüfen, was als Beleg taugt. Zum Unterrichtsmaterial
Alles andere zum Weihnachtsfrieden – wo er stattfand, wie er begann und was danach geschah – steht auf unserer Seite Weihnachtsfrieden 1914: Was an der Front wirklich geschah
Das Buch: Wer zuerst aufsteht
Wer zuerst aufsteht – Der Weihnachtsfrieden von 1914 und der Mut, unsere Gräben zu verlassen von Bernd Blasius erzählt diese Nacht aus den Briefen und Berichten der Männer, die sie erlebt haben, und fragt, was sie für die Gräben an unseren eigenen Tischen bedeutet.
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Quellen
Geprüft am 1. November 2026.
- Iain Adams: A Game for Christmas? (University of Central Lancashire)
- The Long, Long Trail: Legends, myths and realities – the Christmas Truce, 1914
- Football and the First World War: The Christmas Truce and football
- The National Archives: The game of Christmas football on the Western Front
- The Conversation: The Christmas truce football match – a picture of a Greek kickabout is misappropriated yearly
- Ian Jones, Great War Forum: Christmas Truce 1914 – Gunners (Foto von Drummond, IWM HU 35801)
- DH: Platini inaugure le monument de la Trêve de Noël (11. Dezember 2014)
- The FA: HRH The Duke of Cambridge unveils Truce memorial (12. Dezember 2014)
- Art UK: All Together Now, Liverpool
- Ministère des Armées: das Denkmal der Verbrüderungen in Neuville-Saint-Vaast