Zwei Titel zur Wahl
AStille Nacht im Niemandsland
BWer von uns wäre als Erster aufgestanden?
Am Heiligabend 1914 stiegen an der Westfront Soldaten aus ihren Gräben und reichten dem Feind die Hand. Ein Auszug aus dem Buch „Wer zuerst aufsteht“ von Bernd Blasius.
Über den Feldern bei Armentières stand am Heiligabend 1914 der Mond. Es war die erste helle Nacht seit langer Zeit, klar und bitterkalt. In den britischen Gräben standen die Posten, die Gewehre in den klammen Händen, die Augen auf der anderen Seite. Bereit für alles. Nur nicht für das, was kam.
Irgendwann am Abend tauchten auf der deutschen Seite Lichter auf. Kerzen, an kleinen Tannenbäumen entlang der Gräben, einer neben dem anderen. Dann begannen sie drüben zu singen: „Stille Nacht, heilige Nacht“. Die Worte hatte ein junger Hilfspriester, Joseph Mohr, nach zwei Jahrzehnten Krieg geschrieben; zum ersten Mal erklang das Lied 1818 in der Christmette von Oberndorf bei Salzburg. In dieser Nacht ging es über das Niemandsland.
Ein paar Kilometer weiter, bei St. Yvon, hörte der Brite Bruce Bairnsfather eine Stimme mit starkem deutschem Akzent rufen: „Come over here!“ – Kommt rüber! Ein Sergeant rief dieselben Worte zurück. Aus der Dunkelheit kam die Antwort: „Du kommst den halben Weg, ich komme den halben Weg.“
Auf der deutschen Seite hielt Leutnant Kurt Zehmisch, ein angehender Lehrer aus dem Vogtland, in seinem Tagebuch fest, was dann geschah: Auf beiden Seiten kletterten ein paar Männer aus ihren Gräben, gaben sich in der Mitte die Hand und wünschten einander frohe Weihnachten.
Ich weiß nicht, wer von ihnen zuerst die Hand ausstreckte. Ich weiß nur, dass sie es taten. Da standen sie, mitten in der Nacht, auf dem gefrorenen Boden zwischen den Gräben, ein paar Männer aus Sachsen und ein paar aus England. Seit Monaten war jeder für den anderen nur ein Schatten hinter Sandsäcken gewesen. Jetzt stand jeder einem Menschen gegenüber. Kalte Hände fanden andere kalte Hände, und der Händedruck war warm.
Am Weihnachtsmorgen war das Niemandsland an vielen Stellen bald voller Menschen. Doch was viele dort als Erstes taten, galt nicht den Lebenden. Auf einem überschwemmten Kohlfeld wurden die Gefallenen beider Seiten an einen Wassergraben in der Mitte gebracht. Jeder trug die Toten des anderen.
Als die Gräber geschlossen waren, hielt der Feldgeistliche eines schottischen Regiments, J. Esslemont Adams, eine kurze Andacht, und gelesen wurde der 23. Psalm: „Der Herr ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln.“ Ein deutscher Theologiestudent übersetzte für seine Kameraden. Am Wassergraben standen Männer, die einander seit Wochen töten sollten, und hörten denselben Psalm, einmal auf Englisch, einmal auf Deutsch.
Vor einem Grab gibt es keine Fronten. Es gibt nur Menschen, die jemanden verloren haben.
Nicht überall schwiegen die Gewehre, und der Krieg dauerte danach noch fast vier Jahre. Wer von uns wäre als Erster aufgestanden? Der Mut dieser Männer war nicht der Mut des Helden, der stürmt. Es war der Mut dessen, der sich verwundbar macht. Leere Hände sagen: Ich tue dir nichts. Und sie fragen: Tust du mir etwas?
Von einem Festtagstisch kann man auf zwei Arten aufstehen: um früher zu gehen oder um hinüberzugehen. Manchmal sitzt der Mensch, auf den du wartest, nur ein paar Plätze entfernt, und seit Jahren redet ihr über das Wetter. Manchmal sitzt er an keinem Tisch mehr, an dem auch du sitzt. Dann ist der Weg hinüber weiter. Er beginnt trotzdem mit einem einzigen Satz.
Nicht an jedem Tisch ist Hinübergehen das Richtige. An einem Tisch ohne Mitte kann Aufstehen bedeuten, aufrecht zu bleiben und eine Grenze zu ziehen. An vielen anderen Tischen ist es das, was es 1914 war: der erste Schritt aus dem eigenen Graben.
Aus: Bernd Blasius, „Wer zuerst aufsteht. Der Weihnachtsfrieden von 1914 und der Mut, unsere Gräben zu verlassen“, Edition Resonanz 2026. Taschenbuch (ISBN 978-3-567-05056-5) 14,99 €, Hardcover (ISBN 978-3-567-05057-2) 24,98 €, E-Book 9,99 € – in jeder Buchhandlung bestellbar und online. Mehr unter humane-weltformel.de/weihnachtsbuch

